Diabetische Retinopahtie - wenn der Zucker ins Auge geht

Was ist die diabetische Retinopathie?
Bei unbehandelter oder schlecht eingestellter Zuckerkrankheit kommt es durch den hohen Blutzuckerspiegel zu Schäden an den kleinsten Blutgefässen der Netzhaut, den “Kapillaren”. Diese Schäden können zu einer kompletten Erblindung beider Augen führen, wenn nicht rechtzeitig eine entsprechende Behandlung durchgeführt wird.

Wann bemerkt der Diabetiker diese Augenschäden?
Die Schäden an den Kapillaren führen zunächst zu keiner Beeinträchtigung des Sehvermögens. Erst wenn entweder ausgedehnte Gefäßverschlüsse oder Schwellungen mit Fettablagerungen im Sehzentrum auftreten, oder wenn es durch Gefäßwucherungen zu Blutungen in den Glaskörperraum kommt, bemerken Diabetiker eine Sehverschlechterung. Dann kann die Sehverschlechterung aber meist nur verringert, nicht aber rückgängig gemacht werden.

Auftreten der Retinopathie
Es bestehen große Unterschiede zwischen Diabetikern vom Typ I und Typ II. Weil der Diabetes Typ I in der Regel früh erkannt wird, treten Netzhautschäden in der Regel erst nach mindestens 10 Jahren Diabetesdauer auf. Bei Diabetes Typ II ist hingegen schon bei Diagnose des Diabetes in 20% der Fälle eine diabetische Retinopathie vorhanden.

Da bis zu 50% der Diabetiker von ihrer Krankheit nicht wissen, ist es gar nicht selten, dass erst bei einer Routineuntersuchung der Augen ein Diabetes an der bestehenden diabetischen Retinopathie erkannt wird. In Österreich gibt es etwa an die 200.000 unerkannte Diabetiker, und damit bis zu 40.000 Patienten, die bereits an einer beginnenden diabetischen Retinopathie leiden, ohne davon zu wissen!

Erkennen der Retinopathie
Die Netzhautschäden können nur bei einer Untersuchung des Augenhintergrundes bei erweiterter Pupille erkannt werden. Jeder Diabetiker sollte daher auch bei gutem Sehvermögen mindestens einmal jährlich eine Untersuchung des Augenhintergrundes durch einen Augenfacharzt durchführen lassen. Aber auch jeder Nichtdiabetiker sollte regelmäßig zum Augenfacharzt, um untersuchen zu lassen, ob seine Augen wirklich gesund sind!

Veränderungen im Augenhintergrund
Die ersten sichtbaren Veränderungen sind kleine, sackartige Erweiterungen der Kapillaren, die sogenannten „Mikroaneurysmen“. Mikroaneurysmen sind relativ harmlos, sie beeinträchtigen nicht das Sehvermögen und können spontan, das heißt ohne Behandlung, wieder verschwinden. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Blutzuckereinstellung zufriedenstellend ist.

Neben den Mikroaneurysmen können aber auch Blutungen, Schwellungen und kristalline Fettablagerungen auftreten. Diese Schäden führen zu Sehstörungen, wenn sie im Bereich des Sehzentrums auftreten. Man spricht dann von einer diabetischen Makulopathie, oder einem „klinisch signifikanten diabetischen Makulaödem“.

Ausgedehnte Verschlüsse von Kapillaren in der peripheren Netzhaut hingegen bleiben solange unbemerkt, bis es durch Gefäßwucherungen zu Einblutungen in den Glaskörper kommt. Diese proliferative Retinopathie erfordert eine umgehende Behandlung, da es sonst zur kompletten Erblindung kommen kann.

Weitere Untersuchungen bei einer gefundenen Retinopathie?
Eine beginnende Retinopathie kann photographisch dokumentiert werden. Dadurch wird die Verlaufskontrolle erleichtert und eine Verschlechterung rascher erkannt. Bei einer diabetischen Makulopathie oder dem Verdacht auf Gefäßwucherungen wird eine Fluoreszenzangiographie durchgeführt. Dabei wird ein Farbstoff in die Vene der Ellenbeuge gespritzt, der nach wenigen Sekunden die Blutgefässe des Auges erreicht und anfärbt. Diese Anfärbung wird durch spezielle Filter fotografiert.

Auf den erhaltenen Schwarz-Weissbildern erkennt man genau die Mikroaneurysmen, Kapillarverschlüsse, Ödemareale und Proliferationen. Die Schwellung der Makula, das Makulaödem, kann mit Hilfe der optischen Kohärenztomographie (OCT) vermessen werden. Dabei wird mit Hilfe eines ganz schwachen Laserstrahls ein Schnittbild der Netzhaut erzeugt. Aus mehreren dieser Bilder lässt sich eine genaue „Landkarte“ der Netzhaut erzeugen, bei der die Ödemzonen farblich hervorgehoben werden.

Was geschieht, wenn eine Retinopathie gefunden wird?
Wird eine Retinopathie schon bei der Erstdiagnose des Diabetes gefunden, besteht ein Risiko auf Verschlechterung trotz Therapie des Diabetes, regelmäßige Kontrollen in kürzeren Abständen sind daher unbedingt erforderlich. Findet sich eine Retinopathie nach jahrelangem Verlauf und bei gut eingestelltem Diabetes, ist das Risiko einer Verschlechterung geringer, Kontrollen sind natürlich dennoch wichtig, um rechtzeitig eine entsprechende Behandlung beginnen zu können.

Wann wird eine Retinopathie vom Augenarzt behandelt?
Eine Retinopathie wird dann behandelt, wenn das Sehvermögen durch eine Schwellung der Netzhaut im Bereich der Makula bedroht wird oder bereits dadurch reduziert wurde, oder wenn Gefäßwucherungen auftreten.

Behandlung der Retinopathie
Zunächst wird der Augenfacharzt mit dem Hausarzt des Patienten Kontakt aufnehmen und gemeinsam versuchen zu erreichen, dass Blutzucker und Blutdruck optimal eingestellt werden. Wenn bei der Untersuchung Gefäßwucherungen an der Netzhaut, sogenannte “Proliferationen” gefunden wurden, muss eine Verödung der äußeren Netzhautareale, eine “panretinale Laserkoagulation”, durchgeführt werden, wobei das Sehzentrum und der Sehnerv ausgespart werden. Dadurch wird ein Großteil der geschädigten Netzhaut verödet, was zu einer Austrocknung der Wucherungen führt. Auch nach einer kompletten panretinalen Koagulation kann es zu Glaskörperblutungen kommen, diese sind aber wesentlich schwächer und werden rasch aufgesaugt.

Wurde bei der Untersuchung eine Schwellung der Netzhautmitte, ein “Makulaödem”, gefunden, wird eine zarte Koagulation der Netzhaut im Ödembereich, eine “fokale Laserkoagulation”, durchgeführt. Dadurch klingt das Ödem nach einigen Monaten ab und die Ausbildung von Fettablagerungen wird verhindert. Das Sehvermögen kann aber unmittelbar nach der Behandlung für einige Tage deutlich schlechter sein als vor der Behandlung, weil die Schwellung nach der Laseroperation für kurze Zeit auch zunehmen kann.

Andere Behandlungsmethoden
Bei Patienten, bei denen mit Laserkoagulation allein kein ausreichender Behandlungserfolg erzielt werden kann, werden entweder chirurgische Eingriffe, wie die Ausschneidung des Glaskörpers (Vitrektomie) oder - in Zukunft - eine regelmäßige Medikamenteninjektion ins Auge durchgeführt werden. Diese Medikamente blockieren ein bei der Retinopathie vermehr gebildetes Wachstumshormon (den VEGF) und führen dadurch zu einer Abnahme der Netzhautschwellung und gleichzeitig zu einem Rückgang der Gefäßwucherungen.

Was kann man selbst tun?
Es ist sehr wichtig, recht zeitig zu erkennen, dass ein Diabetes vorliegt. Das gelingt nur durch regelmäßige Kontrollen beim Hausarzt, weil der Diabetes Typ II am Beginn keinerlei Beschwerden verursacht. Nach Diagnose eines Diabetes ist einerseits eine regelmäßige Kontrolle durch den Hausarzt erforderlich (Zuckereinstellung, Blutdruck, Blutfette, Nierenfunktion, Herz), andererseits regelmäßige Untersuchungen des Augenhintergrunds beim Augenfacharzt.

Diabetiker sollten versuchen, möglichst viel über die Zuckerkrankheit und die damit verbundenen Spätfolgen zu lernen. Es gibt sowohl in den großen Krankenhäusern als auch im Rahmen von Selbsthilfegruppen regelmäßig Schulungen für Diabetiker, in denen diese lernen, mit der Krankheit zu leben und die Spätfolgen wie Retinopathie oder Nierenversagen zu verzögern oder zu verhindern.